{"id":625,"date":"2016-02-03T15:44:08","date_gmt":"2016-02-03T14:44:08","guid":{"rendered":"http:\/\/republicdomain.net\/deck\/?p=625"},"modified":"2016-02-03T15:53:59","modified_gmt":"2016-02-03T14:53:59","slug":"der-kunstlump","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/republicdomain.net\/deck\/der-kunstlump\/","title":{"rendered":"Der Kunstlump"},"content":{"rendered":"<p>Die Bourgeoisie und das ihr mit Haut und Haaren verschriebene Kleinb\u00fcrgertum hat sich gegen das aufb\u00e4umende Proletariat stets, unter anderem auch mit \u00bbKultur\u00ab gepanzert. Ein alter Schlachttrick des B\u00fcrgers! Im Rahmen dieser mit ihm in Schlamm und Dreck versinkenden Kultur steht die \u00bbKunst\u00ab. Mit der Bibel in der Hand weiht man immer die Mordwaffen, die f\u00fcr die gemeinsten Interessen der verruchten Ausbeuterbande gef\u00fchrt werden (siehe jetzt auch Horthy-Ungarn), mit Goethes Faust im Tornister und den b\u00f6sartigsten Dichterphrasen im Maul als Beruhigungspillen gab man sich stets das \u00bbethische Gleichgewicht\u00ab, dessen man bedurfte im Kampf f\u00fcr Raub, Unterdr\u00fcckung und r\u00fccksichtsloseste Ausbeutung des andern bis aufs Hemd.<br \/>\nIn den Staatsgeb\u00e4uden zur Pflege und Erhaltung der mittelalterlichen Inventare und Gebilde, eines Stabes \u00fcberfl\u00fcssiger Kunstbeamten, alles toten, heutigen Lebensbed\u00fcrfnissen zuwidersprechenden Ger\u00fcmpels, Geschreibsels und Gemales, das bestenfalls nur historischen Nachschlagewert hat f\u00fcr Idioten und Nichtstuer, die die Dokumente der menschlichen Dummheit, bis in die greiseste Vergangenheit greifend, preisen zu m\u00fcssen glauben, h\u00e4ngen die verstaubten \u00bbWerke\u00ab der Rubens, Rembrandts, die f\u00fcr uns heute nicht den geringsten Lebenswert mehr bergen. Die Marktinteresse f\u00fcr den B\u00fcrger haben! In denen er sein Geld sicherte und festlegte. Wie er auch heute sein \u00fcbersch\u00fcssiges Kapital in den Bildern der f\u00fcr ihn pinseInden Maler f\u00fcr sich aufh\u00e4uft und die bedeutenden Gem\u00e4lde der bedeutenden \u00bbSchaffenden\u00ab (beleidigen Sie die Bedeutenden nicht und sagen Sie nicht \u00bbArbeitenden\u00ab!) nur aus Kapitalsinteressen als sein Eigentum f\u00fcr seine unbewohnten Herren-, Speise- und Damenzimmer in dieser Hungerzeit erwirbt. Nebenbei schaffen diese Erwerbungen dem B\u00fcrger, solch eines an eigenn\u00fctzigen Handelns wegen, allen Glanz und Ruhm eines Kunst- und den Rang und die Warte eines erstklassigen Kulturf\u00f6rderers, von wo aus man auf den nur produktive Arbeit leistenden \u00bbP\u00f6bel\u00ab mit gesch\u00fcrzten Lippen den Tabaksaft der zwischen Goldplomben zerkauten Havanna herabspeien kann. Ja, ja, den guten verfetteten B\u00fcrgerbuckel rutscht Schauer der Ehrfurcht \u00fcber den verschwitzten Arsch bis zu den dienstbeflissenen Fersenballen hinab, wenn ihm ein g\u00fcnstiges Schicksal erm\u00f6glicht, z. B. um nur einen von vielen zu nennen, den Palast des Berliner Million\u00e4rs Mendelsohn-Bartholdy betreten zu d\u00fcrfen und dann unter der breiten, feudalen, mit Kandelabern verzierten Treppe neben den Kleiderst\u00e4ndern schon einen zwei handbreit gro\u00dfen Fetzen Leinewand, von Henry Rousseau bemalt, so nebens\u00e4chlich, als koste er garnichts, h\u00e4ngen zu sehen (er kostet doch Unsummen); wenn er gar seinen Pelzmantel mit dem Bild ber\u00fchren, das unsterbliche teure Werk mit seinem noch regennassen Mantel zuh\u00e4ngen darf.<br \/>\nJa, hier herrscht Gro\u00dfz\u00fcgigkeit. Ah! hier empfindet man gleich eine Ehrfurcht erheischende Distanz zum dicken Herrn des Hauses, der man sich freudig unterwirft. Hier ist ein geistiges Fluidum, aus dem heraus man die Welt mit Wonne betrachtet. Hier geht einem erst der Sinn des Daseins auf. Alle Sch\u00f6nheiten dieser Erde entbl\u00e4ttern sich dir hier! Ahl hier entbI\u00f6\u00dft man willig das Haupt vor dem Wert der Kultur, f\u00fchlt sich von ihr begnadet und verpflichtet zu ihrem Schutze einzutreten gegen alle Zerst\u00f6rungsabsichten des kulturzerst\u00f6renden BoIschewismus, gegen den Hordengeist der Zerr\u00fcttung unserer heutigen Zeit. Und immer mehr bl\u00fcht das Herz auf, wenn man, wo immer man zuf\u00e4llig hingreift, einen zweimal hunderttausend Mark Kunst\u00f6lfleck ber\u00fchrt und neben den herrlichsten Werken der alten Meister: Rubens pomp\u00f6sen Frauenschenkeln, Blumenputten, Generalsm\u00e4chtigen mit Orden und Sternen, meisterlich gemalt, heute unnachschaffbar, neben des Malerf\u00fcrsten Rembrandts Kreuzabnahmen, Goldhelmm\u00e4nnern, auch moderne Kunstwerke entdeckt, vielleicht des jungen Professors Oskar Kokoschka schon sehr kaufkr\u00e4ftige Zeichnungen und Gem\u00e4lde, vielleicht sein Bild: \u00bbDie Schauspielerin Margarete Kupher mit ihrem Lieblingshund\u00ab, das links oder rechts herum gemalt sein kann, ohne f\u00fcr den B\u00fcrger B\u00f6ses auszusagen, das mit einem kunstrevolution\u00e4r zu nennenden Aufwand von Kobaltblau, ging dieses zuf\u00e4llig aus, dann auch mit preu\u00dfischblau weiter gemalt sein kann, und doch schon \u00bbklassisch\u00ab wirkt und in dem kunstsinnigen Hause einer Frau Gro\u00dfm\u00fcllereibesitzer Bienert-Dresden ebensowenig st\u00f6rt, wie etwa des Kleinb\u00fcrgers und Z\u00f6llners Bilder \u00bbBlauer Gartenzaun\u00ab, \u00bbUrwald 311\u00ab, \u00bbKind mit Ball\u00ab, \u00bbWald mit Zeppelin\u00ab.<br \/>\nJa, hier geh\u00f6ren diese gro\u00dfen Kunstwerke alle hin! An die Prunkt\u00e4felungen der hohen W\u00e4nde!! \u2013 oder etwa in eine Arbeiterstube, in das Alltagselend eines Arbeiters, vielleicht \u00fcber sein Arbeiterlausebett?<br \/>\nWas soll der Arbeiter mit Kunst?<br \/>\nWo er st\u00fcndlich um seine primitivsten Lebensbed\u00fcrfnisse k\u00e4mpfen mu\u00df, wo er unter den zerr\u00fctteten Verh\u00e4ltnissen fiebert, in denen er seine Kameraden, seine Familie, alle seine Mitstreitenden dank der b\u00fcrgerlichen Blutsauger und geschwollenen Besitzkr\u00f6ten dauernd versinken sieht, und sich schuldig f\u00fchlt jeder Minute, die er nicht damit zubringt, diese Welt aus den Schleimlingen des kapitalistischen Systems zu befreien.<br \/>\nWo er unaufh\u00f6rlich die Augen aufrei\u00dfen mu\u00df, um den Verbrechen, den Schlichen, den Hintergehungen, den Umbiegungen, den Verleumdungen, mit denen die b\u00fcrgerliche Gesellschaft sein Rettungswerk zu vernichten sucht, zuvorzukommen.<br \/>\nWo er dauernd dem Kapital, das auf jede Weise die Stabilisierung der Ausbeutung ersinnt und ausf\u00fchrt, entgegentreten mu\u00df. Wo er die Ebert mit den Kapp und Mannerheim verhandeln und die Revolution verkaufen sieht.<br \/>\nWo er die Bildung im Bunde mit den Ludendorffs Handgranaten werfen sieht.<br \/>\nWas soll der Arbeiter mit der Kunst, die ihn trotz aller dieser erschreckenden Tatsachen in eine davon unber\u00fchrte Ideenwelt f\u00fchren will, vom revolution\u00e4ren Handeln abzuhalten versucht, die ihn die Verbrechen der Besitzenden vergessen machen will und ihm die bourgeoise Vorstellung einer Welt der Ruhe und Ordnung vorgaukelt. Die ihn also den Klauen seiner Zerfleischer ausliefert, statt ihn aufzupeitschen gegen diese Hunde.<br \/>\nWas soll der Arbeiter mit dem Geiste der Dichter und Denker, die angesichts all dessen, was ihm den Lebensatem abschn\u00fcrt, keine Verpflichtung f\u00fchlen, den Kampf gegen die Ausbeuter aufzunehmen.<br \/>\nJa, was soll den Arbeitern die Kunst? Haben die Maler ihren Bildern die Inhalte gegeben, die dem Befreiungskampf der arbeitenden Menschen entsprechen, die sie lehren sich zu befreien aus dem Joch tausendj\u00e4hriger Unterdr\u00fcckung?!<br \/>\nSie haben die Welt trotz all dieser Schande im beruhigenden Lichte gemalt. Die Sch\u00f6nheit der Natur, den Wald mit Vogelgezwitscher und Abendsonnenschein! Zeigt man, da\u00df der Wald in den schmierigen H\u00e4nden des Profitmachers ist, der ihn meilenweit als sein Privateigentum erkl\u00e4rt, \u00fcber das er allein verf\u00fcgt, der ihn abholzt, wenn sein Geldschlot es erfordert, ihn aber umz\u00e4umt, damit Frierende darin sich kein Holz holen k\u00f6nnen.<br \/>\nDoch die Kunst ist tendenzlos. Sieh an!<br \/>\nDeshalb malt man den ganzen alten barocken Gottesschwindel, barocke Engel und barocke Apostel, mit denen kein Lebender mehr etwas anzufangen wei\u00df. Kreuzigungen in allen Fa\u00e7ons im Original f\u00fcr die christlichen Mittagstische der Junker und vervielf\u00e4ltigt zur Verdummung des Volkes. Als w\u00fcrde man noch von der Kirche bezahlt oder st\u00e4nde ihren Ideen nahe, als w\u00fcrde man in ihren Scho\u00df fl\u00fcchten k\u00f6nnen vor den Standgerichten der b\u00fcrgerlichen Republik.<br \/>\nDeshalb predigt man in den Bildwerken Flucht der Gef\u00fchle und Gedanken, weg von den unertr\u00e4glichen Zust\u00e4nden der Erde, zu Mond und Sternen, in den Himmel, I\u00e4\u00dft so die Maschinengewehre der Demokratie gew\u00e4hren, die ja auch die Reise der Besitzlosen in ein reineres Jenseits bezwecken. Deshalb dichtet so ein Schw\u00e4chling wie Rainer Maria Rilke, den die parf\u00fcmierten Nichtstuer aushalten, \u00bbArmut ist ein gro\u00dfer Glanz von innen\u00ab (Stundenbuch).<br \/>\nArbeiter! Indem man Euch die Ideen des christlichen Kirchentums vorsetzt, will man Euch entwaffnen, um Euch umso bequemer der m\u00f6rderischen Staatsmaschine auszuliefern.<br \/>\nArbeiter! Indem man in Gem\u00e4lden irgend etwas darstellt, an das sich der B\u00fcrger noch klammern kann, das Euch Sch\u00f6nheit und Gl\u00fcck vorspiegelt, st\u00e4rkt man ihn, sabotiert man Euer Klassenbewu\u00dftsein, Euren Willen zur Macht.<br \/>\nIndem man Euch auf die Kunst verweist und schreit: \u00bbDie Kunst dem Volke\u00ab will man Euch verf\u00fchren an ein Gut zu glauben, das Ihr mit Euren Peinigern gemeinsam besitzt und dem zu Liebe lhr den berechtigsten Kampf, den die Welt je sah, einstellen sollt. Man will wieder einmal Euch mit \u00bbSeelischem\u00ab gef\u00fcgig machen, und Euch das Bewu\u00dftsein Eurer eigenen Kleinheit im Verh\u00e4ltnis zu den Wunderwerken des menschlichen Geistes einfl\u00f6\u00dfen.<br \/>\nSchwindel! Schwindel!<br \/>\nGemeinster Betrug!!<br \/>\nNein, die Kunst pa\u00dft in die Museen, um in Rundspazierg\u00e4ngen von Kleinb\u00fcrgern auf Ferienreisen beglotzt zu werden, die Kunst pa\u00dft in die Pal\u00e4ste der Bluthunde, vor die Safes. Wenn Herr Stinnes nach getaner Schiebung mit seinen vom Kuponschneiden ach so schwieligen H\u00e4ndchen im Scho\u00df, seine vom fortgesetzten Rechnen, wie man Euch am besten kurz h\u00e4lt, ach so kurzsichtigen Aeuglein in die H\u00f6hen reiner Menschlichkeit aufschwingt, seinen \u00fcberangestrengten Geist an den antiken Bildwerken oder etwa an Kokoschkas Meisterschinken \u00bbDie Macht der Musik\u00ab erquickt, so l\u00e4\u00dft sich kaum annehmen, da\u00df diese Bilder die Notwendigkeit der Vernichtung der alten und den Aufbau einer gerechteren Welt predigen.<br \/>\nArbeiter, lhr die lhr den Mehrwert dauernd schafft, der es den Ausbeutern erst erm\u00f6glicht, sich die Winde mit diesem \u00bb\u00e4sthetischen\u00ab Luxus zu beh\u00e4ngen, die Ihr den K\u00fcnstlern somit den Lebensunterhalt, der meist immer ein vielfach reichlicherer war als der Eure, gew\u00e4hrleistet, Arbeiter, nun h\u00f6rt, wie solch ein K\u00fcnstler zu Euch und Eurem Kampfe Stellung nimmt.<br \/>\nNach den Kapptagen, da lhr Euch bewaffnet habt, zum Verdru\u00df der Antimilitaristen und Pazifisten, die es am liebsten gesehen h\u00e4tten, da\u00df lhr mit langen wei\u00dfen Hemden bekleidet mit einer Kerze in der einen und Lehrer Franks Buch \u00bbDer Mensch ist gut\u00ab in der anderen Hand in langen Prozessionen den Hakenkreuzz\u00fcglern entgegengepilgert w\u00e4ret, um mit geistigen Waffen die wei\u00dfen Heilande zu vertreiben, \u2013 in diesen Tagen hat sich so ein Kunstb\u00fcrschchen wie Oskar Kokoschka, republikanischer Professor an der Kunstakademie Dresden, nicht etwa nur dem Kampf ferngehalten, wie es bei der traditionellen Feigheit der Intellektuellen kaum anders zu erwarten war, sondern hat in Wahrung seines Kunstschwindels folgendes lapidare Manifest an die Einwohnerschaft Dresdens gerichtet:<br \/>\n\u00bbIch richte an alle, die hier in Zukunft vorhaben, ihre politischen Theorien, gleichviel ob links-, rechts- oder mittelradikale, mit dem Schie\u00dfpr\u00fcgel zu argumentieren, die flehendlichste Bitte, solche geplanten kriegerischen Uebungen nicht mehr vor der Gem\u00e4ldegalerie des Zwingers, sondern etwa auf den Schie\u00dfpl\u00e4tzen der Heide abhalten zu wollen, wo menschliche Kultur nicht in Gefahr kommt. Am Montag, den 15. M\u00e4rz, wurde ein Meisterbild des Rubens durch eine Kugel verletzt. Nachdem Bilder keine M\u00f6glichkeit haben, sich von dort zu retten, wo sie nicht mehr unter dem Schutze der Menschheit stehen, und auch weil die Entente einen Raubzug in unsere Galerie damit begr\u00fcnden k\u00f6nnte, da\u00df wir keinen Sinn f\u00fcr Bilder h\u00e4tten, so fiele auf die K\u00fcnstlerschaft von Dresden, die mit mir bangt und zittert und sich dessen bewu\u00dft ist, solche Meisterwerke nicht selber schaffen zu k\u00f6nnen, wenn die uns anvertrauten zerst\u00f6rt wurden, die Verantwortung, einer Beraubung des armen zuk\u00fcnftigen Volkes an seinen heiligsten G\u00fctern nicht mit allen Mitteln rechtzeitig Einhalt geboten zu haben. Sicher wird sp\u00e4ter das deutsche Volk im Ansehen der geretteten Bilder mehr Gl\u00fcck und Sinn finden, als in s\u00e4mtlichen Ansichten der politisierenden Deutschen von heute. Ich wage nicht, zu hoffen, da\u00df mein Gegenvorschlag durchdringt, der vors\u00e4he: Da\u00df in der deutschen Republik wie in den klassischen Zeiten Fehden k\u00fcnftig durch Zweik\u00e4mpfe der politischen F\u00fchrer ausgetragen werden m\u00f6chten, etwa im Zirkus, eindrucksvoller gemacht durch das homerische Geschimpfe der von ihnen angef\u00fchrten Partei. Was alsdann harmloser und weniger verworren w\u00e4re, als die jetzt \u00fcblichen Methoden.\u00ab<br \/>\nOskar Kokoschka,<br \/>\nProfessor an der Akademie der bildenden K\u00fcnste in Dresden.<br \/>\nWir richten an alle, die noch nicht genug verbl\u00f6det sind, die snobistische Aeu\u00dferung dieses Kunstlumpen gutzuhei\u00dfen, die dringende Bitte, energisch Stellung dagegen zu nehmen. Wir fordern alle dazu auf, denen es nebens\u00e4chlich ist, da\u00df Kugeln Meisterbilder verletzen, da sie Menschen zerfetzen, die ihr Leben wagen, um sich und ihre Mitmenschen aus den Klauen der Aussauger zu erretten.<br \/>\nDie \u00bbheiligsten G\u00fcter\u00ab sind, wenn sie auch als Kunst, Kultur, Vaterland usw. umschrieben werden, in Wirklichkeit nichts anderes als die Arbeitsprodukte der produktivt\u00e4tigen Menschen, und wenn zum Kampf um sie aufgerufen wird, so meinen Herren wie Oskar Kokoschka und auch Wilhelm II. den Kampf darum, da\u00df diese heiligsten G\u00fcter in den H\u00e4nden derjenigen bleiben, die sie gewohnheitsm\u00e4\u00dfig als Spekulationsobjekte betrachten. Menschen, die jede M\u00f6glichkeit \u00bbeiner Beraubung des armen zuk\u00fcnftigen Volkes aus seinen heiligsten G\u00fctern\u00ab getilgt wissen wollen, w\u00fcrden es begr\u00fc\u00dfen, wenn man, statt wie dieser Kulturphrasenheld Kokoschka einen Raubzug der Entente in unsere Galerien an die Wand zu malen, diese Bilder, dem Beispiele der Stadt Wien folgend, gegen Nahrungsmittel f\u00fcr die unterern\u00e4hrte heranwachsende Generation an die Entente verkaufen w\u00fcrde. F\u00fcr das \u00bbarme zuk\u00fcnftige Volk\u00ab w\u00e4re damit mehr geschehen, als wenn man ihm die M\u00f6glichkeit lie\u00dfe, mit von der englischen Krankheit krummgebogenen Beinen vor den unversehrten Meisterbildern in den Galerien zu stehen. Das deutsche Volk w\u00fcrde sp\u00e4ter noch mehr Gl\u00fcck und Sinn finden im R\u00fcckblick auf solch ein kulturvergessenes Handeln als in Marmeladerationen zu Ehren Rembrandts. Die K\u00e4mpfe \u00bbs\u00e4mtlicher Ansichten der politisierenden Deutschen von heute\u00ab sind der logische Ausdruck des Willens weiterzubestehen und k\u00fcnftigen Generationen andere Daseinsbedingungen zu schaffen als solche, die nur den Gott erleuchteten Kokoschkas erm\u00f6glichen, sich satt zu essen und \u00fcber die Hungernden zu witzeln. Nat\u00fcrlich, satte Leute brauchen Ruhe zur Verdauung, und wenn sich das unbedeutende Volk schon bemerkbar machen mu\u00df, darf es ihm, dem Weaner-Kind, wohl vororgeln: \u00bbNua Wolza mull \u00f6s sein\u00ab, aber mit Gewehren und Maschinengewehren darf\u2019s ihm den Zusammenhang mit seinen Mitmenschen und die Abh\u00e4ngigkeit seines Schicksals, von ihrem nicht zum Bewu\u00dftsein bringen. Er ist ein Lump, der seine Pinselt\u00e4tigkeit als eine g\u00f6ttliche Mission geachtet wissen will. Heute, wo es von gr\u00f6\u00dferer Bedeutung ist, da\u00df ein roter Soldat sein Gewehr putzt, als das ganze metaphysische Werk s\u00e4mtlicher Maler. Der Begriff Kunst und K\u00fcnstler ist eine Erfindung des B\u00fcrgers und ihre Stellung im Staat kann nur auf Seiten der Herrschenden, d. h. der b\u00fcrgerlichen Kaste sein.<br \/>\nDie Titulierung \u00bbK\u00fcnstler\u00ab ist eine Beleidigung.<br \/>\nDie Bezeichnung \u00bbKunst\u00ab ist eine Annullierung der menschlichen Gleichwertigkeit.<br \/>\nDie Vergottung des K\u00fcnstlers ist gleichbedeutend mit Selbstvergottung.<br \/>\nDer K\u00fcnstler steht nie h\u00f6her als sein Milieu und die Gesellschaft derjenigen, die ihn bejahen. Denn sein kleiner Kopf produziert nicht den Inhalt seiner Sch\u00f6pfungen, sondern verarbeitet (wie ein Wurstkessel Fleisch) das Weltbild seines Publikums.<br \/>\nOskar Kokoschka, der Sch\u00f6pfer \u00bbpsychologischer\u00ab Spie\u00dferportr\u00e4ts, vergeudet seinen psychologischen Impetus nat\u00fcrlich nicht an seelenlosen Mob. Seine Realschulkenntnisse gen\u00fcgen ihm, um in wahrer historischer Einsicht Links- und Krumm- und Grade- und Rechtsradikale aufzufordern, ihre politischen Theorien \u00bbmit dem, Schiaspr\u00fcagel in da Hond auf den Schia\u00dfpl\u00e4tzen auf der Heide oobzuholten, so zum Spurt, damit die oiten Moistab\u00fcida net valetzt werrn, und da M\u00f6nschheit koa Schodn zuagef\u00fcagt wird.\u00ab Und obwohl er \u00fcber dem Hader der Parteien steht, wie alle gro\u00dfen Kunsthuren, versagt er dem verblendeten Volk nicht folgende unerh\u00f6rt neue politische Erkenntnis: zur politischen Arena soll der Zirkus werden, die F\u00fchrer treten dort als Gladiatoren auf, das Parteigesindel gr\u00f6\u00f6\u00f6\u00f6hlt, die Feuerwehr steht mit Minimax dabei, damit kein Brand ausbricht, Schutzleute \u00fcberwachen das Ganze, damit kein Rubens und kein Rembrandt im Grab rotieren braucht.<br \/>\nHerr Professor, wissen Sie kein Mittel, um Rubens und Rembrandt, die nebenbei bemerkt nicht mal telephonieren k\u00f6nnen, die in Dreimaster, Schnabelschuhen, Spitzenkragen und Kavalierdegen uns eben so ehrw\u00fcrdig vork\u00e4men wie Ihre Bilder, aus dem Grabe auferstehen zu lassen? Sie w\u00e4ren zweifellos berufen, des deutschen Volkes Seelenzwiespalt zu heilen und so dem schwergepr\u00fcften Vaterland Ruhe und Ordnung wieder zu schenken und es einer besseren Zukunft entgegenzuf\u00fchren. Die Entente w\u00fcrde selbstverst\u00e4ndlich den Versailler Vertrag revidieren.<br \/>\nArbeiter, blickt nach Dresden! Dort seht ihr die Wiege eurer gl\u00fccklichen Kinder und das Bankdepot 0. Kokoschkas.<br \/>\nOschka Kokoschka, der wie die Zofe mit der Herrschaft bangt und zittert, da\u00df ihm der Arsch mit Grundeis geht, ist uns nur der Anla\u00df, um die b\u00fcrgerliche Kunst entlarven zu k\u00f6nnen, wobei die Person dieses Professors so nebens\u00e4chlich bleibt, wie sie an sich ist. Dieser Hochschullehrer f\u00fcr Kunst, der bei Aufnahmen von Sch\u00fclern authentisch \u00e4u\u00dferte: \u00bbIch kann nur absolut unber\u00fchrte Menschen brauchen\u00ab (von den Dingen und den Fragen der heutigen Zeit unber\u00fchrte Menschen, Engel vom Mond, aus metaphysischen Gefilden), ist eine symptomatische Person, mit deren Anschauungen \u00fcber Kunst das ganze Kunstbeamtentum, der Kunstmarkt, die \u00f6ffentliche Meinung \u00fcber Kunst sich decken, und indem wir ihn angreifen, wollen wir alles treffen, was sich hinter ihm an Kunstdummheit und -gemeinheit und -arroganz versteckt. Den ganzen unversch\u00e4mten Kunst- und Kulturschwindel unserer Zeit!<br \/>\nKokoschkas Aeu\u00dferungen sind ein typischer Ausdruck der Gesinnung des gesamten B\u00fcrgertums. Das B\u00fcrgertum stellt seine Kultur und seine Kunst h\u00f6her als das Leben der Arbeiterklasse. Auch hier ergibt sich wiederum die Folgerung, da\u00df es keine Vers\u00f6hnung geben kann zwischen der Bourgeoisie, ihrer Lebenseinstellung und Kultur, und dem Proletariat.<br \/>\nArbeiter, wir sehen die Versuche der Unabh\u00e4ngigen, diese Kultur und die verlogenen Anschauungen \u00fcber Kunst hin\u00fcber zu retten in den proletarischen Aufbau der Welt: Wir erwarten sehr bald von dem Herrn Genossen Felix St\u00f6ssinger, da\u00df er Euch in der \u00bbFreien Welt\u00ab die Werke des bedeutenden Malers Oschka Kokoschka zeigt und Euch ihre Bedeutung f\u00fcr das Proletariat nachweist, wie er Euch auch mit dem kirchlichen Zimt des Isenheimer Altars oder den heute erledigten individualistischen Kunstqu\u00e4lereien eines van Gogh bekannt machte. Der egozentrische Individualismus ging mit der Entwicklung des Kapitals Hand in Hand und mu\u00df mit ihm fallen.<br \/>\nWir begr\u00fc\u00dfen mit Freude, da\u00df die Kugeln in Galerien und Pal\u00e4ste, in die Meisterbilder der Rubens sausen, statt in die H\u00e4user der Armen in den Arbeitervierteln!<br \/>\nWir begr\u00fc\u00dfen es, wenn der offene Kampf zwischen Kapital und Arbeit dort sich abspielt, wo die sch\u00e4ndliche Kultur und Kunst zu Hause ist, die stets dazu diente, den Armen zu knebeln, die den Bourgeois am Sonntag erbaute, damit er am Montag seinen Fellhandel, seine Ausbeutung um so beruhigter aufnehmen konnte!<br \/>\nEs gibt nur eine Aufgabe:<br \/>\nMit allen Mitteln, mit aller Intelligenz und Konsequenz den Zerfall dieser Ausbeuterkultur zu beschleunigen.<br \/>\nJede Indifferenz ist konterrevoIution\u00e4r!<br \/>\nWir werden den konterrevolution\u00e4ren Erhaltungstrieb der Kokoschkas niemals dulden, die noch nicht einmal die beweglichen Ideen des Futuristen sich zu eigen gemacht haben, an deren Bilder das einzig Gute ist, da\u00df sie sie nach dem Tode verbrannt wissen wollen, in der richtigen Erkenntnis, da\u00df diese bis dahin doch l\u00e4ngst \u00fcberholt sind. (Was soll uns ein futuristisches Gem\u00e4lde \u00bbDamenhut bewegt sich die Treppe abw\u00e4rts\u00ab in einer butterarmen Zeit?)<br \/>\nWir fordern alle auf, Stellung zu nehmen gegen die masochistische Ehrfurcht vor historischen Werten, gegen Kultur und Kunst!<br \/>\nInsbesondere bitten wir um Uebermittlung von Stellungnahmen gegen den Aufruf Kokoschkas! Wir wollen die Stimmen gegen solche Lumpen und den hinter ihnen Versteckten sammeln und nach M\u00f6glichkeit der Oeffentlichkeit \u00fcbergeben.<br \/>\nVon Euch, Arbeiter, wissen wir, da\u00df ihr Eure ArbeiterkuItur ganz allein schaffen werdet, ebenso wie ihr Eure Klassenkampforganisationen aus eigener Kraft geschaffen habt.<\/p>\n<p>Download | John Heartfield und George Grosz | http:\/\/www.dada-companion.com\/heartfield_docs\/hea_kunstlump_1920.php<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p> <a class=\"mh-excerpt-more\" href=\"https:\/\/republicdomain.net\/deck\/der-kunstlump\/\" title=\"Der Kunstlump\"><\/a><\/p>\n<\/div>","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[78],"tags":[],"class_list":["post-625","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-dada"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/republicdomain.net\/deck\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/625","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/republicdomain.net\/deck\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/republicdomain.net\/deck\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/republicdomain.net\/deck\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/republicdomain.net\/deck\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=625"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/republicdomain.net\/deck\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/625\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":626,"href":"https:\/\/republicdomain.net\/deck\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/625\/revisions\/626"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/republicdomain.net\/deck\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=625"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/republicdomain.net\/deck\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=625"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/republicdomain.net\/deck\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=625"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}